Schule in merkwürdigen Zeiten

Stolpen

Liebe Leserinnen und Leser des Stadtanzeigers Stolpen,

als Ende Januar, Anfang Februar im fernen China ein neuer Virus bereits massiv sein Unwesen trieb, wähnte man sich hier in Deutschland noch erstaunlich sicher. Gab es in der Industrie bereits Mitte Februar ein Verbot für Dienstreisen nach Italien, so traten die Skifahrer der Oberschule Stolpen aufgrund einer fehlenden Reisewarnung und den daraus abzuleitenden Konsequenzen bei einer Stornierung ihre traditionellen Reise zum Skikurs nach Südtirol am 29.02.2020 mit gemischten Gefühlen, aber entschlossen an. In Südtirol lief alles blendend, bei der Rückreise am 6. März fühlten wir uns gesund und munter, aber das Gesundheitsamt hatte eine andere Auffassung durchzusetzen. Wir fanden uns als eine der ersten Bewohner im Landkreis gemäß Infektionsschutzgesetz in häuslicher Absonderung (Quarantäne) wieder, denn die Corona-Pandemie sorgte berechtigt in den nächsten vier Wochen für zahlreiche Anordnungen von Amts wegen.

Seit dem 16. März ruht der reguläre Unterrichtsbetrieb und mit großer Sorge mussten wir die Bilder aus Italien und Spanien zur Kenntnis nehmen und persönlich unangenehme Erfahrungen mit den Einschränkungen aller Art machen. Dem ersten kleinen Jubel der Kinder wegen des „unterrichtsfrei“ folgten schon bald Missmut und Frust, weil sich der Alltag ohne Mitschüler, Freunde und „Pauker“ als ganz schön öde darstellte.

Das System Schule musste sich binnen weniger Tage umstellen und zeigte sich überfordert. Die digitalen Vorreiter im „Homeschooling“ erreichten anerkennenswerte Erfolge, scheiterten aber auch nicht selten an der Kapazität der Lernplattformen und des Internets. Und auch diese Schulen konnten nicht davon ausgehen, dass das Homeoffice der Eltern mit den gewünschten Computernutzungszeiten der Kinder stets harmonisch funktionierte. Wir Lehrer der Oberschule Stolpen versuchten es mit klaren Aufgabenstellungen per Homepage. Die Aufträge für die häusliche Lernzeit waren in Umfang und Schwierigkeitsgrad meist angemessen, bei der Kontrolle der Erfüllung durch die Lehrer zeigten sich Defizite. Mit der Einrichtung von dienstlichen E-Mailadressen ab Woche 6 konnten Schüler und Eltern endlich direkt mit den Lehrern kommunizieren, in Woche 7 und 8 wurden vermehrt Aufgaben aus der Lernzeit zurückgefordert und kontrolliert. Mit den drei Phasen der Wiederaufnahme des Unterrichts gelang es dem Kultusministerium, die Schüler wohldosiert und verantwortungsvoll zurück in Schule zu bringen. Seit 18. Mai kann nun wieder mit allen Schülern ein geregelter Schulalltag gestaltet werden, denn Erziehen per Internet geht nicht. Und auch die Erarbeitung neuer Lerninhalte sollte nun wieder im Unterricht geschehen. Die geforderten Abstandsregelungen machen leider Klassenteilung notwendig. So gibt es auch weiterhin häusliche Lernzeit, die verstärkt zum Üben und Vertiefen genutzt werden muss. Die letzten 8 Wochen des Schuljahres können so ein bisschen planmäßiger absolviert werden.

Dennoch waren und sind die Einschnitte und Konsequenzen für den Schuljahresablauf schlimm. Besonders tragisch war, dass die Auslands- Studienfahrten der 10. Klassen nicht stattfinden durften. Alle drei Klassen hatten sich diese Reisen durch ihr sympathisches Auftreten in den letzten Jahren redlich verdient. Für die Übergabe der Abschlusszeugnisse in Anwesenheit der Eltern sieht es gut aus, wir hoffen auf die Möglichkeit der Durchführung von drei Einzelveranstaltungen in der Kornkammer der Burg, ansonsten nutzen wir unser großzügiges Atrium. Der Absolventenball im Kyffhäuser wird wohl nicht stattfinden dürfen. Auch für die sechsten Klassen entfiel die Fahrt ins Schullandheim nach Reichwalde, alle Wandertage und Exkursionen sind abgesagt. Die Schüler sehen sich bis zum Ferienbeginn nicht mehr im Klassenverband, für die Klassenlehrer ein nicht zu unterschätzendes kritisches und bedauerliches Moment.

Auch im Bereich des Sports waren die Konsequenzen der Pandemie besonders schmerzlich. Der Trainings- und Wettspielbetrieb wurde über Nacht eingestellt.

Je länger die verordnete sportfreie Zeit dauerte, desto bewusster wurden Kindern und Erwachsenen, wie ein gesunder Geist auch nach einem gesunden Körper lechzt, wie körperliche Betätigung zum unverzichtbaren Bedürfnis geworden und das Miteinander im Sport für die Seele Balsam ist. Der Schulsport wurde aufgrund nervigster Vorschriften zunächst ausgesetzt, alles was den Kindern Spaß machen würde, ist verboten. Im Trainingsbetrieb bei Fußball, Volleyball und Gerätturnen darf es eingeschränkt wieder losgehen. Auch die Übungsleiter freuen sich auf die neue Zeit mit ihren jungen Sportlern.

Mein letzter Gedanke sei den erwachsenen Sportlern gewidmet, denen die Jagd nach Sekunden und Toren nicht mehr so wichtig ist. Die Sportvereine in Dittersbach-Dürrröhrsdorf und Stolpen mit all ihren Ortsteilen haben zahlreiche Angebote für den Freizeitbereich. Ob Taekwon Do oder Badminton, Laufgruppe oder Kleinfeldfußball, Hobby- Volleyball oder Basketball-Truppe, der Möglichkeiten und Angebote gibt es zahlreiche. Auch der Tennisverein in Stolpen würde sehr gern neue Interessenten gewinnen, die nach einer kostenfreien Probetrainingszeit dann Gefallen an der Sportart finden. Gerade die vielen zugezogenen Familien mit jungen Eltern sind herzlich eingeladen, sich einen Überblick zu verschaffen. Wenden Sie sich an die Sportvereine, alle Verantwortlichen sind über die Homepage des Kreissportbundes herauszufinden. Gern stehe auch ich Ihnen unter neubert@oberschule-stolpen.de mit Rat und Tat zur Seite. Wünschen wir uns nach diesen schlimmen Monaten der Pandemie einen schönen Sommer und unbeschwerten Herbst.

Uwe-Jens Neubert
Schulleiter der Ludwig-Renn-Oberschule Stolpen
Artikel veröffentlicht am 05.06.2020 von Stolpner Anzeiger | Amtsblatt der Stadt Stolpen mit den Ortsteilen 6 / 2020