Kath. Kirchengem. hl. Schutzengel Hambühren/Wietze/Winsen Heilige-Kreuz-Kirche

Winsen
Trauma und Bewältigung

Vom Überleben zum Leben

Am 17. September 2019 war Sr. M. Ancilla zu einem Vortragsabend zum Thema Trauma und Bewältigung mit besonderem Blick auf die Situation der geflüchteten Menschen bei uns in der Hl. Kreuz Kirche in Winsen.

Sr. M. Ancilla, Dr. med. Martina Schulz, ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit Praxis in Hildesheim. Sr. M. Ancilla gehört zur Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Vinzenz von Paul in Hildesheim. Seit Beginn des Kirchenasyls in Winsen unterstützt sie die betroffenen Menschen und uns in unserer Arbeit im Netzwerk mit großem Engagement.

Sr. M. Ancilla hat uns an diesem Abend wertvolle Informationen für unsere Arbeit mit geflüchteten Menschen vermittelt, die fast alle traumatisiert hier bei uns leben.

Ein Trauma ist ein gewaltvolles, überwältigendes Ereignis. Es können Unfälle, Schicksalsschläge, schwere Erkrankungen, sexueller Missbrauch, aber auch Krieg und Flucht sein. Immer ist es ein Ereignis, vor dem Menschen ohnmächtig und hilflos stehen. Eine Traumatisierung ist die Reaktion eines Menschen auf dieses Ereignis. Das Leben an sich wird erschüttert, aber auch das Vertrauen in andere Menschen und in die Welt ist gestört.

In der Traumatherapie geht es darum, Ressourcen (Fähigkeiten, Kraftquellen, Hilfreiches) zu stärken, um die Betroffenen wieder zu stabilisieren. In weiteren Therapiephasen erfolgt eine Bearbeitung der Traumata und zuletzt wird versucht, eine Integration zu erreichen.

Für die geflüchteten Menschen und für uns im Netzwerk heißt das, ihnen Hilfen zu geben, um vom „Überleben zum Leben“ zu kommen.

Sr. M. Ancilla weckte in ihrem Vortrag unser Verständnis für die Andersartigkeit der Welt, aus der die geflüchteten Menschen kommen. Seien es Menschen aus Syrien, Irak oder afrikanischen Ländern, sie alle haben in der Regel in Großfamilien gelebt. Hier konnten sie Vertrauen haben, sich aufeinander verlassen und Unterstützung erfahren. Anders als bei uns, trennte man sich nicht von der Familie, wenn ein neuer Lebensabschnitt begann. Der Entschluss zu fliehen hatte in der Regel einen Bruch mit der Familie und allen Sicherheiten zur Folge. Es begann für diese Menschen ein langer Weg mit meist traumatischen Erfahrungen. Sie kamen in ein Land mit ganz anderen Strukturen, anderer Sprache und anderen Sozialisationen. Der Schutz ihrer Familie entfiel. In zahlreichen Fällen dauert die Beantragung und Bearbeitung für ein gesichertes Bleiberecht in europäischen Ländern endlos lange. Mit der fehlenden äußeren Sicherheit ist die Gefahr groß, dass Traumatisierungen chronifizieren und weitere Verletzungen entstehen.

Vertrauen zu fassen, die Lebenskrise zu bewältigen, das muss das Ziel sein. In einer lebhaften Diskussion wurde sodann die Frage aufgeworfen, welche Hilfsmöglichkeiten zur Traumabewältigung es geben könne. Hilfreich für die Integration erscheinen: ein geregelter Tagesablauf; Ausdauersportarten; Anschluss an Vereine, um der Isolation zu entgehen; Vertrauen zu nahestehenden Menschen; Konzentration auf Dinge, die Freude bereiten - alles, was die Sicht auf das Leben positiv verändern kann sowie eine neue Wertschätzung und Achtsamkeit sich selbst und der Welt gegenüber.

Abstand und neue Zuversicht zu gewinnen, das muss das Ziel sein. Ein traumatisches Erlebnis kann überwunden werden.

Wir im Netzwerk, die sich seit nunmehr zwei Jahren mit der Not der Kirchenasylfamilie beschäftigen, haben auch an diesem Abend viel Unterstützung und neue Erkenntnisse durch Sr. M. Ancilla bekommen. Sie hat uns Mut gemacht und unseren Einsatz sehr gelobt. Wir machen einander Mut mit unserer Losung, die uns schon durch schwierige Zeiten begleitet hat: „Was wir begonnen haben, bringen wir gemeinsam zu einem guten Ende.“

Christa Zielke
Artikel veröffentlicht am 10.10.2019 von Mitteilungsblatt der Gemeinde Winsen 41 / 2019