Ist die erste Gussform gefüllt, wird der Zulauf zur zweiten Glocke geöffnet. Hier entsteht die kleinere Warener Glocke, die Vaterunser-Glocke. Sie wiegt 850 kg, hat einen Durchmesser von 1.120 mm und wird auf dem Hauptton Fis klingen.
Dann wird auch die dritte Glocke gegossen, die Friedensglocke für Waren. Sie wiegt 2.150 kg, hat einen Durchmesser von 1.500 mm und wird auf dem Hauptton Cis klingen.
Die Glockengießer der Fm. Bachert in ihren Schutzanzügen schlagen die Öffnung in den Kessel mit dem geschmolzenen Metall.
Das Metall fließt durch die gemauerten Rinnen zu den vergrabenen Gussformen. Hier wird die erste Glocke gegossen: die Gedächtnisglocke für Sondershausen. Neben dem Zulauf gibt es zwei bis drei Abzugsschächte für das aufsteigende Wachs, das über der Gussform verbrennt.
Die Gussformen entstehen aus Lehm und in Handarbeit. Die Hilfsmittel sind beeindruckend einfach. Das Verfahren des Glockengusses hat sich in Jahrhunderten kaum verändert.
Im Schmelzofen wird die beiden Metalle geschmolzen und gemischt. Bronze ist eine Legierung aus 90 % Kupfer und 10 % Zinn.

Glockenguss für St. Georgen

Waren

Neunkirchen/Waren (pm). Da kann man fragen, ob das nicht etwas unverhältnismäßig war: eine vierzehnstündige Reise für eine Veranstaltung, die dann nur eine knappe Stunde dauerte. Aber keiner der vier Reisenden aus der St. Georgengemeinde hat die lange Fahrt nach Baden-Württemberg gescheut oder bereut, um den Guss der Glocken für die Warener Georgenkirche mitzuerleben. Kantorin Christiane Drese, Pastorin Anja Lünert und die Kirchenältesten Dirk Richert und Dr. Gunter Lüdde durften dieses einmalige Erlebnis teilen.

„So etwas bekommt man normalerweise wirklich nur ein einziges Mal im Leben zu sehen“, sagt Pastorin Anja Lünert. „… wenn überhaupt!“, fügt sie dann noch hinzu.

Schon 2017 hatte die Gemeinde den ersten Spendenaufruf für neue Glocke veröffentlicht. Da war gerade eine der gusseisernen Glocken im Turm stillgelegt worden. Das kam nicht überraschend. Als nach 1945 die vielen im Krieg eingeschmolzenen Glocken ersetzt wurden, war Bronze rar und teuer. Damals hat man auf Stahl bzw. Eisen gesetzt, dessen Lebensdauer aber begrenzt ist. Während eine Bronzeglocken mehrere hundert Jahre alt werden kann, geht so eine Eisenglocke nach etwa 60 Dienstjahren in Rente. Dann zeigen sich erste Schäden, Abplatzungen oder Risse und das Läuten wird buchstäblich gefährlich.

Die Georgenkirche hat derzeit vier Glocken. Eine, die kleinste, wurde 1925 gegossen. Die anderen Glocken aus demselben Jahr wurden im 2. Weltkrieg beschlagnahmt. „Viele Gemeinden - auch in Mecklenburg - haben ihre Glocken damals freiwillig für den Endsieg gespendet. Das können wir heute gar nicht mehr nachvollziehen“, erzählt Pastorin Lünert. „Immerhin können wir das für die Georgengemeinde ausschließen. Pastor Bard stand den Nazis eher kritisch gegenüber, was für ihn und seine Familie nicht ungefährlich war. Er und die Gemeinde musste es hinnehmen, dass drei der vier Glocken beschlagnahmt und eingeschmolzen wurden. Von größeren Geläuten wurde oft die kleinste Glocke verschont. Glocken riefen nicht nur zum Gottesdienst. Auch zu des Führers Geburtstag mussten schließlich noch Glocken für das Dauergeläut vorhanden sein. Dann musste eine Stunde am Stück geläutet werden“, hat Pastorin Lünert in alten Unterlagen im Gemeindearchiv gelesen.

Die neuen Glocken sollten eigentlich schon im vergangenen Jahr gegossen werden. Aber so ein Glockenguss wird aufwendig vorbereitet und ist darum langfristig nur schwer zu planen. Die Glockengießerei Bachert in Neunkirchen (Baden), bei der der Guss in Auftrag gegeben wurde, ist ein bekannter, aber kein großer Betrieb. Die Anzahl der Glocken, die in einem Guss hergestellt werden können, ist begrenzt. Die Gießtechnik hat sich in den vergangenen Jahrhunderten nicht verändert. Glockenkern und -mantel entstehen in Handarbeit aus Lehm und Schamott mit nur einfachen technischen Hilfsmitteln. Misslingt ein Guss, beginnen alle Vorbereitungen von vorne. Und die dauern immerhin etwa 3 Monate.

So war die Enttäuschung nicht gering, als es mit dem Glockenguss im Jahr 2019 nichts wurde. Anfang des Jahres verstarb dann Manfred Demmler, der die drei neuen Glocken für St. Georgen gestiftet hat. „Da waren wir sehr traurig. Aber wir sind gewiss, dass er die Glocken hören wird - so oder so!“, sagt Anja Lünert.

Ein Aspekt war auch, dass eine der Glocken die Jahreslosung 2019 tragen sollte: „Suche Frieden und jage ihm nach!“. Aber Frieden ist und bleibt auch nach 2019 ein großes Thema. Vielleicht war es Gottes Fügung, dass am 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, am 8. Mai 2020, genau diese Friedensglocke für Waren gegossen wurde.

Insgesamt entstanden am 8. Mai in Neunkirchen drei Glocken. Eine dieser Glocken ist eine Gedächtnisglocke für die Trinitatiskirche in Sondershausen. Sie erinnert an das Jahr 1945, nämlich an die Opfer des großen Bombenangriffs bei der Zerstörung der Stadt am 8. April 1945.

Die anderen beiden Glocken sind für die Georgengemeinde Waren gegossen worden. Eine, die Friedensglocke, trägt die schon Jahreslosung des Jahrs 2019 und das Motiv aus dem Nordfenster der Kirche, auf dem Petrus seine bittenden Hände Christus entgegenstreckt. Die zweite Warener Glocke ist die Vaterunser-Glocke. Auf ihr wird der Namenspatron der Kirche abgebildet sein, der Heilige George, der das Böse in Gestalt eines Drachens besiegt. Dazu ziert diese Glocke ein Vers aus dem bekannten Gebet Jesu: „Erlöse uns von dem Bösen!“

Der Guss der dritten Glocke für Waren steht noch aus. Die Gussform wird gerade aufgebaut, wie die vier Delegierten der Georgengemeinde sehen konnten. Vielleicht kann auch diese Glocke noch in diesem Monat gegossen werden. Sie wird Auferstehungsglocke genannt und mit dem Motiv des Auferstandenen Christus aus dem Chorfenster der Kirche verziert. Dazu ein Wort Jesu, wie der Evangelist Johannes es überliefert hat: „Ich lebe und ihr sollt auch leben!“.

Glocken werden immer am Freitag um 15 Uhr gegossen, zur Sterbestunde Jesu, und folgt einem festen Ritual. Zuerst wird von der anwesenden Pastorin ein Gebet gesprochen. Wir haben dafür gebetet, dass diese Glocken niemals Krieg und Feuer läuten werden, sondern immer das Leben, die Erlösung und den Frieden.

Fotos: Anja Lünert

Artikel veröffentlicht am 23.05.2020 von Müritz Tipp Landkreis Waren 10 / 2020