Blickfang für die Besucher
Damals gebräuchliche Jagdwaffe

Der Ruhpoldinger Bär machte es seinen Jägern nicht leicht

Ruhpolding

Er gilt als der Letzte in ganz Deutschland erlegte Braunbär – Im Heimatmuseum zu sehen

Normalerweise reagiert man hierzulande ausgesprochen sauer, wenn man einen „Bären aufgebunden“ bekommt. Nicht so in der Tourismusgemeinde Ruhpolding. Dort ist man froh darüber, einen Bären zu haben, einen dicken sogar, und das voraussichtlich für längere Zeit.

Die Rede ist vom letzten Braunbär Bayerns, der am 24. Oktober 1835 auf dem Schwarzachenbach oberhalb dem Bäckenlaubstadl“, wie es im Jagdbericht heißt, erlegt wurde. Nach Stand der Dinge ist es zugleich der letzte, in freier Wildbahn lebende Braunbär Deutschlands gewesen. Fast 200 Jahre nach dem tödlichen Schuss durch den königlichen Salforstamtsaktuar (=Gehilfe) Ferdinand Klein ist nun Meister Petz auf Wunsch des verstorbenen Altlandrats Leonhard Schmucker posthum wieder an den Ort zurückgekehrt, an dem er einstmals während einer groß angelegten Treibjagd zur Strecke gebracht wurde. Nach der gelungenen Überführung vom Museum Mensch und Natur in München, wo der Bär bisher ausgestellt war, fiel Doris Wünsche-Schmucker, der Tochter Schmuckers, ein riesiger Stein vom Herzen. Da sich das begehrte Ausstellungsobjekt im Besitz der Zoologischen Staatssammlung befindet, zogen sich die Verhandlungen mit beiden Stellen in der Landeshauptstadt über zwei Jahre hin - letztlich mit erfolgreichem Ausgang.

Hinter Glas im klimatisierten „Bären-Raum“

In lebensechter Haltung ausgestopft und präpariert, fast ein wenig furchteinflößend, streift Meister Petz nun nicht mehr durch die kilometerweiten Wälder am Fuß des Sonntagshorns, sondern tritt zur Freude der großen und kleinen Besucher im „Bartholomäus-Schmucker-Heimatmuseums“ im herzoglichen Jagdschloss der Wittelsbacher ganz friedlich hinter Glas auf der Stelle. Und das in einem eigens dafür geschaffenen, klimatisierten „Bären-Raum“. Er soll den hohen Stellenwert symbolisieren, den der Beutegreifer in Ruhpolding genießt. Dort ist auch ein umgerüstetes, damals gebräuchliches Percussions-Jagdgewehr (=Stutzen) sowie eine Jagdtasche aus dieser Zeit zu sehen. Bei dem Vorderlader handelt es sich wahrscheinlich um eine ehemalige Steinschlossbüchse, die auf die Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte Perkussionszündung umgerüstet worden ist. Die Waffe war bei Schützen wegen ihres zuverlässigeren Auslösens sowie größerer Präzision und Reichwerte recht beliebt.

Meister Petz bot den Jägern die Stirn

Nichts mehr ist zu spüren von der Aufregung unter den Bewohnern des ehemals verschlafenen Bergdorfes im Miesenbacher Tal, als sich die Kunde über das plötzliche Auftauchen des Raubtiers breitmachte. Eigentlich hatte man schon 1822 gehofft, also 13 Jahre früher, mit dem vom Förster Michael Reisberger erlegten Braunbären die unberechenbaren „Bestien“ ein für alle Mal los zu sein. Doch in abgelegenen Bergregionen wie dem Schwarzachen-Gebiet konnte es trotz verstärkter Jagd geschehen, dass vor allem immer wieder junge, halbstarke Braunbären auf der Suche nach neuen Territorien ansichtig wurden. Wahrscheinlich war auch dieses Exemplar ein „Österreicher“, der einen Streifzug Richtung Norden unternommen hatte.

Doch so leicht, wie es sich seine Jäger vielleicht vorstellten, gab sich der zottelige Geselle nicht geschlagen, denn der erste Versuch, ihn zu erlegen, war gescheitert. Daraufhin ließ der königliche Forstmeister Joseph Dillis am 26. Oktober ein großes Aufgebot aus zehn Förstern, Forst- und Jagdgehilfen ausrücken, um der „Bestie“ Herr zu werden. Doch selbst während der großangelegten Treibjagd bot das aufgescheuchte Raubtier seinen Verfolgern im wahrsten Sinn des Wortes die Stirn. Wenn man den Jagdaufzeichnungen Glauben schenken darf (es muss ja nicht immer Jägerlatein sein) prallte die erste Kugel vom überaus harten Stirnbein des mächtigen Tieres ab.

Franz von Kobell schildert Bären-Hatz

Der zeitgenössische Schriftsteller Franz von Kobell, Verfasser des „Brandner Kaspar“, schildert den Hergang in seiner Abhandlung „Wildanger – Skizzen aus dem Gebiet der Jagd und ihrer Geschichte“ (Stuttgart 1859, seiner Majestät König Maximilian II., dem erlauchten Waidmann und Schutzherrn der Jagden in Bayern gewidmet) folgendermaßen: „Von den Hunden bald angetroffen kam der Bär in voller Flucht dem Jagdgehilfen Sebastian Schlächter (=Schlechter?), welcher ihn bis auf 15 Schritte (etwa fünf Meter) anlaufen ließ und dann auf den Kopf schoss. Die Kugel prallte aber auf dem Stirnbein ab, wie sich später zeigte, und der Bär wandte sich in den Jagdbogen zurück. Nach einiger Zeit kam er mit großem Geräusch von abgelassenen Steinen über einen Hang herunter und fluchtig über das sechsunddreißig Schritt breite Griesbett des Schwarzachenbaches, welches der damalige Forstamtsaktuar Klein zu überschießen hatte. Klein gab ihm auf 80 Schritte Entfernung einen tödtlichen Schuss hinter dem rechten Blatt, worauf der Bär sich bald niederthat und von den auf dem Schweiß nachsuchenden Jägern zur Vorsicht noch einige Schüsse erhielt. Er war von schwarzbrauner Farbe und wog 280 Pfund, aufgeschärft (ohne Aufbruch) 240 Pfund. Von Kobell erwähnt außerdem, dass 1807 in der Riß, (=Vorderriß, südl. von Lenggries), 1815 am Wamberg bei Parthenkirch (=Partenkirchen) sowie 1826 und 1828 je ein Bär zu Traunstein erlegt wurde.

Belobigung und 75 Gulden für den Schützen

Der historische Jagderfolg zahlte sich für den Schützen jedenfalls in barer Münze aus. In einem Schreiben des königlichen Salinen-Forstamts bewilligte man dem erfolgreichen Schützen eine Prämie von 75 Gulden; ungefähr ein Drittel seines üblichen Jahresgehalts. Der berufliche Weg führte Klein in der Folgezeit ins niederbayerische Landshut, wo er den Försterdienst bis zu seinem Ruhestand ausübte. Dass die persönliche Belobigung für den schusssicheren Schützen,

ein besonders rares Schriftstück in Kopie den Weg in die Ausstellung fand, ist dem reinen Zufall zuzuschreiben. Während ihrer Wanderung in die Schwarzachen-Alm fiel nämlich den Nachkommen von Ferdinand Klein die Gedenktafel an der Bären-Hütte auf, die an das denkwürdige, historische Ereignis erinnert. Daraufhin suchten sie im Wissen um die Urkunde im häuslichen Fundus nach und stellten das Dokument freundlicherweise zur Verfügung.

Der Münchner Landschafts- und Genremaler Heinrich Bürkel (1802 – 1869) hielt die Szene der „Rückkehr von der Bärenjagd“ in Form eines heroischen Triumphzugs recht eindrücklich fest. Das romantisierende Motiv kam offensichtlich so gut beim Publikum an, dass er es ab 1835 mehrfach und in verschiedenen Varianten verwendete. Dabei war Bürkel selbst nie in Ruhpolding, sondern hatte vermutlich aus der Zeitung von dem Abschuss des Bären erfahren.

Die Darstellung gibt die Gefühle der örtlichen Bevölkerung wieder. Sie empfanden die großen Raubtiere als Bedrohung und waren glücklich über ihre Ausrottung. Der Jäger wird im Triumphzug auf den Schultern getragen, die Dorfbewohner applaudieren dem Zug, und der Bär selbst erscheint gewaltig und fletscht bedrohlich die Zähne. Die lebensgroße Reproduktion einer Farblithographie an der ostseitigen Wand verleiht dem Bären-Raum den passenden, dekorativen Hintergrund.

Die wildreichen Wälder um Ruhpolding waren im 16. Jahrhundert bei den Wittelsbacher Herzögen sehr beliebt. 1537 ließ Wilhelm IV. ein erstes kleines „Gejaidschloss“ erbauen, 1585 gab sein Enkel Wilhelm V. den Auftrag für ein größeres neues Jagdschloss, in dem heute das Heimatmuseum untergebracht ist. Durch die teilweise großflächigen Holzeinschläge für die 1619 gegründete Saline in Traunstein ging der Wildbestand im 17. und 18. Jahrhundert stark zurück. Dennoch wurde bis ins 18. Jahrhundert immer wieder über Bären, Wölfe und Luchse geklagt und deren Abschuss dokumentiert.

Die Raubtiere waren Nahrungskonkurrenten, gefährdeten Weidetiere und auch Menschen. Sie wurden überall in Mitteleuropa als Gegner und „Bestien“ wahrgenommen und rücksichtslos bis hin zur Ausrottung verfolgt. Der 1835 geschossene „Ruhpoldinger Bär“ war vermutlich der letzte in Deutschland in freier Wildbahn lebende Braunbär. Erst im Jahr 2006 wanderte wieder ein Exemplar aus dem benachbarten Österreich nach Bayern ein, der als Problembär „Bruno“ bekannt wurde. Das erneute Zusammentreffen von Bär und Mensch misslang. „Bruno“ wurde nach langem Hin und Her „entnommen“ und ist heute im Museum Mensch und Natur in München zu sehen; dem Aufstellungsort, dem der Ruhpoldinger Bär inzwischen bis auf Weiteres den Rücken gekehrt hat.

Ludwig Schick
Artikel veröffentlicht am 10.10.2019 von Ruhpoldinger Gemeindeanzeiger 40 / 2019