Ansichtskarte
Ehemaliges Bahnhofshotel in der Poststraße 2

Arbeitsgruppe "Zeitgeschichte"

Lübbenau

Wissen Sie´s?

Idyllische Runde in einem Gartenlokal, um die vorletzte Jahrhundertwende. Das macht die Zuordnung nicht ganz einfach, obwohl das Haus – wenn auch verändert – noch steht.

Zur letzten Ausgabe - Das ehemalige Bahnhofshotel

Zwischen den Brüdern Hans und Robert Neumann stand es in den zwanziger Jahren nicht zum Besten. Es gab unterschiedliche Auffassungen zur Geschäftsführung ihrer beiden am Markt gelegenen Hotels "Zum Deutschen Hause" sowie "Zum Braunen Hirsch". Die Zusammenarbeit endete damit, dass Hans sich aus der Geschäftsführung zurückzog und auszahlen ließ.

Er konnte dadurch das zum lynarschen Besitz gehörende Grundstück in der Lindenstraße 2 (heute Poststraße 2) erwerben und 1925 mit dem Bau eines eigenen Hotels beginnen, dessen Eröffnung sich auf 1926 datieren lässt. Der Neubau verfügte über acht Gästezimmer, wobei in der Nummerierung 1 bis 9 die 7 nicht vergeben wurde, um abergläubischen Gästen gerecht zu werden. Der Gaststättenbetrieb belegte zwei Räume.

Gut gewählt war der Standort zum nahen Bahnhof in Hinblick auf die Auslastung des Hauses. Unübersehbar prangte auf der Straßen- und Giebelseite des Hauses der Schriftzug "Bahnhofshotel" und tat allen mit der Bahn Reisenden kund, dass sie hier speisen und übernachten konnten. Das Hotel firmierte deswegen auch als "Das Haus für die Herren Reisenden" und warb mit seiner modernen Ausstattung als "Einziges Haus mit Zentralheizung am Ort". Von den in der Bahnhofstraße gelegenen Hotels "Zur Eisenbahn" sowie "Spreewaldhotel" war keine große Konkurrenz zu erwarten.

Eine mit Markise überdachte Veranda an der dem Bahnhof zugeneigten Seite, sowie ein davor gelegener baumbestandener und mit einer Hecke eingefasster Restaurantgarten komplettierten 1934 das äußere Gesamtbild. Für die Autofahrer entstand Anfang der 1930er Jahre vor dem Restaurantgarten eine ARAL-Tankstelle mit zwei Säulen für Benzin und Öl. Der intakte Tank wurde später ausgegraben und diente einer LPG als Betriebstankstelle. Drei Garagen auf dem Hof des "Bahnhofshotels" kamen 1937 hinzu.

Die in direkter Nachbarschaft gelegene Konditorei mit Café "Lindenhof" von B. Sucher partizipierte bald von der Lage und betrieb als Konkurrenz zum "Bahnhofshotel" ebenfalls Fremdenzimmer.

Als in den ersten Monaten 1945 sich die aus den umkämpften östlichen Gebieten Deutschlands durch Lübbenau ziehenden Flüchtlingsströme verstärkten, wurde im Haus eine Flüchtlingsmelde- und -lenkungsstelle eingerichtet. Zum Zeitpunkt der Besetzung Lübbenaus im April 1945 befanden sich rund 2.400 Flüchtlinge in der Stadt. Das Hinweisschild dieser Stelle befindet sich im Torhaus-Museum.

Der Durchmarsch der Roten Armee in jenen Tagen hinterließ Spuren: Durch einen Granateinschlag wurde von der Rückseite her die Restaurantküche beschädigt. Das Haus wurde von Soldaten der Roten Armee besetzt und die Heizungsanlage derart beschädigt, dass eine Reparatur mit den damaligen Mitteln und Möglichkeiten nicht mehr durchführbar war. Die einzelnen Räume wurden mit transportablen Kachelöfen versehen.

Mit Beginn des Kraftwerksbaus 1957 wurden die Restauranträume an die HO verpachtet, die darin eine Imbissstube betrieb. Die Zimmervermietung im Haus lief noch bis etwa 1966, wobei hauptsächlich mit dem Kraftwerksbau Beschäftigte hier Unterkunft nahmen.

Im August 1960 übernahm die PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) "Wärme – Wasser – Blitz" die Gasträume und unterhielt dort u.a. eine Werkstatt für Radios und Fernsehgeräte. Diese Werkstatt wurde ab Oktober 1970 vom VEB Hauswirtschaftliche Dienstleistungen Calau (später Cottbus, Betriebsteil Calau) weitergeführt. Anfang 1975 übernahm die Werkstatt der VEB Kombinat RFT – Industrievertrieb Frankfurt /Oder. Dieser kaufte das Gebäude im Januar 1982 und sanierte es ab 1987.

Mit der Wende 1990 ging das Haus in die Treuhand über. Das Unternehmen "Möbus Autoteile" mit mehreren Filialen in Brandenburg und Sachsen war/ist der letzte Besitzer. Seit dem Auszug vor einigen Jahren steht der Ladenteil im Erdgeschoss leer. Im Obergeschoss sind drei Wohnungen vermietet.

Auch die Zeit des in den 1990er Jahren entstandenen Anbaus "Arriva - Palastvideothek" an das ehem. Hotel scheint endgültig vorbei. Architektonisch passte es sich wenig dem Haus an.

Text: Hans-Joachim Nemitz

Kontakt über das Projektbüro LÜBBENAUBRÜCKE im GLEIS 3 Kulturzentrum Lübbenau, in der Güterbahnhofstraße 57, 03222 Lübbenau/Spreewald. Tel. 03542/403692.

Wer Bilder nicht aus der Hand geben möchte, kann sich an H.-J. Schiemenz wenden, Tel: 03542 83588 oder hajo.schiemenz@mac.com und einen Termin vereinbaren. Die Bilder werden werden dann per Scanner oder Kamera digital aufgenommen.

Artikel veröffentlicht am 30.06.2020 von Lübbenauer Stadtnachrichten | Amtsblatt für die Stadt Lübbenau/Spreewald 7 / 2020